Leseprobe

Zweifel
Neue Folge

Ausschnitte

Die Menschen waren immer die einfältigen Opfer von Betrug und Selbstbetrug in der Politik, und sie werden es immer sein, solange sie nicht lernen, hinter beliebigen moralischen, religiösen, politischen, sozialen Phrasen, Erklärungen und Versprechungen die Interessen dieser oder jener Klasse zu suchen.

Владимир Ильич Ленин (W. I. Lenin)

Eine Losung ist noch keine Lösung
von Kai Pohl

Was soll ich mich konzentrieren,
ich bin doch kein Konzentrat.
Folge der Losung der Tiere.
Sie scheißen auf den Staat.

Die Wahrheit steckt im Truthahn,
nicht in der Litanei. Generäle,
bis auf den einen der Streik heißt,
gehn mir am Arsch vorbei.

Staatsdiener
von Ernst Fuhrmann

Der Mensch nur als „Glied“ in einem größeren Wurmgebilde ist wohl die am einfachsten zu verstehende Erscheinung. Es sind da natürlich sehr verschiedene Würmer, die ihn inkorporieren können, und der Mensch wechselt absolut willenlos, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern. Er kann den ganzen Wurm nicht übersehen. Er nimmt seinen Platz ein in Wurmkörpern, die eine große Arbeit vorhaben und in solchen, die andere Menschen morden werden. Man könnte sagen, dass Mitglied in einem Mordwurm zu werden, eigentlich von allen mit Freude begrüßt wird. Der Platz in Arbeitswürmern ist viel weniger beliebt, aber in Mord- und Vergewaltigungswürmern melden sich die Glieder freiwillig. Der Wechsel von Staatsbeamten von einem System zum anderen muss unter diesem Gesichtspunkt gesehen werden. In der Gegenwart werden ganze Körper von Beamten gesiebt durch Lügenmaschinen, die zu registrieren haben, ob der Untersuchte zuverlässig ist oder nicht. Die Maschine kann nicht arbeiten, wenn der Sträfling wild und heftig ist, denn es können ja nur Impulse gemessen werden. Insbesondere sollen die Bewegungen eines bösen Gewissens registriert werden. Die Häftlinge können sich seltsamerweise anscheinend selten daran gewöhnen, vor dem Maschinen-Richter vollkommen gewissenlos zu erscheinen und für sich selbst zu entscheiden: „Was ich denke, geht euch einen Dreck an!“
Bei vollkommen indifferenter Ruhe kann diese blöde Maschine natürlich nicht funktionieren. Genau so wenig, wenn der Untersuchte wegen seiner Erniedrigung vor dem Maschinen-Richter dauernd so böse bleibt, dass sein Gemüt von einer Tobsucht in die andere fällt, so wie es sich gehören würde. Von einem Amt zum anderen werden die Glieder versetzt. Sie arbeiten in allen gleich gut. Sie lassen sich mitwinden. Da ihr vorhergehendes Glied ungefähr diese und jene Bewegung macht, machen sie die gleiche. Jeder Mensch wird selbst zur bösen Behörde, bevor er mit ihr in Berührung kommt. Er beschuldigt andere, er verfolgt andere, ihm missfallen andere und die Kritik des anderen nimmt kein Ende. Eben aber mit dem, worin sich der Einzelne zum Richter über andere macht, macht er schon den Staat, während es so leicht wäre, selbst bei Tausenden von Mitmenschen zuerst die Bedingungen zu prüfen, unter denen sein Leben, so weit wie es kam, begann, und daraus zu folgern, wie jeder werden musste, wenn er den gleichen Bedingungen unterworfen war, so dass nur die Bedingungen kritisiert würden, und zwar solche wie Elend und Verwilderung, wie sie der Staat dauernd weiter toleriert. Es darf also nicht das einzelne Glied sein, das sich vor der Lügenmaschine rechtfertigen muss, sondern der Staat hätte seine relative Lauterkeit beweisen müssen. Mich berührt es seltsam, dass die Menschen so wenig versuchen, am Staat zu bessern. Gewiss, es mag das Schwerste sein, was man in Angriff nimmt, aber zugleich das Dringendste.
Ebenso hat man es hingenommen, dass im Grunde die nichtswürdigsten Vertreter Herrscher des Staates waren. Dass irgendein Mensch von Wert sich niemals zum Staatsoberhaupt wählen lässt, steht ja seit langer Zeit fest. Man denke an die unwürdige Selbstpropaganda, die lärmenden Reisen, die heute Leute machen, um Präsident zu werden. Ich habe stets empfunden, dass niemand dieses Opfer bringen könnte, weil es ihn von vornherein erniedrigt und ernstes Denken unmöglich macht.
Dies sind so lockere Gedanken, die in unserer heutigen Welt beginnen. Aus ihnen allen ein System machen, da keinerlei Anfänge der Sache selbst in Sicht sind, widerstrebt mir. Ich neige dazu, zu denken, dass die Staaten hässlich verfallen werden, und dass neue Anfänge voll von Schmerzen sind, in denen alles, was neu sein muss, aus den Ängsten her gedacht wird.
Die Todesangst muss aus einer kommenden Generation beseitigt werden. Gerade in dieser Hinsicht muss der Mensch durchaus wieder zum Tier zurückkehren.

Der vorliegende Text ist eine von der Redaktion gekürzte Fassung von: Ernst Fuhrmann, Unsere Welt, In: Ernst Fuhrmann: Neue Wege, Zweite Sammelausgabe, Bd. 5, Hamburg 1954, S. 134-167. Der Titel Staatsdiener wurde von der Redaktion gewählt.

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Eine Edition (zwei Oktav-Hefte mit mindestens je 32 Seiten in Banderole jeweils mit Gedichtzeile von Bert Papaenfuß versehen) kosten 10,00 Euro.

Bisher erschienen:

Zweifel, Neue Folge
1. Jahrgang (2008)
Heft 1

(Illustrationen: Guiseppe Mendolia-Calella )

Baumann, Rembert: Zweifel S. 1
Fuhrmann, Ernst: Zuschnitt S. 6
Borodynia, Alexander: Nachwort S. 12
Fuhrmann, Ernst: Sicherheit S. 16
Jung, Franz: Freilufttheater S. 21
Pohl, Kai: Dark Matter S. 23
Papenfuß, Bert: Zweifel über alles S. 25

Heft 2

(Illustrationen: Guiseppe Mendolia-Calella )

Fuhrmann, Ernst: Versionen S. 33
Krohn, Alexander: Atem S. 38
Vögele, Frank: Kasperl im Leichenhaus
Der Dichter Jakob Haringer S. 40
Knofo: Wir drinnen – ihr draußen S. 50
Jung, Franz: Ende S. 52
Jung, Franz: Einführung S. 54
Hansen, Andreas: Double mind S. 56
Baumann, Rembert: Nach Hause S. 59
Vögele, Frank: Außerhalb S. 63

2. Jahrgang (2012)

Heft 3

(Illustrationen: Guiseppe Mendolia-Calella )

Knofo: Redundanz S. 1
Petersen, Jes: Frustration S. 2
Baumann, Rembert: Legende und Herrschaft S. 4
Koroljov, Anatolij: Zweifel wächst S. 10
Pohl, Kai: Zwei Parolen S. 12
Fuhrmann, Ernst: Sawah S. 15
Sohn-Nekrassov, Julia: Übertreibung S. 18
Baumann, Rembert: Genbedingt S. 20
Bert Papenfuß: Im Ablauf des Ablaufs S. 22
Rheinsberg, Anna: Für Laszlo Schulz S. 26
Crauss: Die Abnutzung der Kunst S. 28
Drescher, Henner: Zwei S. 30
Andreas Hansen: Double mind: Restauration S. 31
Jung, Franz: Samt (Vorschau) S. 32

Sonderheft 1

(Illustrationen: Ilia Kitup)

Frank Vögele: Leben – Widerstand der Luft
für fallende Dinge. Hinweisezu Ernst Fuhrmanns Roman
Prohibition S. 1
Ernst Fuhrmann: Prohibition (Roman, 1. Teil) S. 3

Ab 2017 erscheint Zweifel in regelmäßiger Folge in 3 Editionen (2 Hefte in Banderole) pro Jahr.

3. Jahrgang

Heft 1, Mai 2017

(Illustrationen: Günther Meck)

(Fuhrmann, Bernhard, Lichtenberg, Jung, Cioran, Rousseau):  Stimmen S. 1

Der Herausgeber: Zeit des großen Spektakels S. 2

Pohl, Kai: Späte Einsicht S. 3

Fuhrmann, Ernst: Freisein S. 4

Die Redaktion:  Es gibt keine endgültige Fassung  –

das Ungewohnte ist der Wert der Wahrheit S. 6

Fuhrmann, Ernst: Herrschaft der Ausrufer S. 7

Baumann, Rembert: Glaube, Demut, Unterwerfung S. 9

Kröcher, Norbert „Knofo“: Wir drinnen – ihr draußen (2)  S. 17

Engels, Friedrich: Kurze Bemerkung zur Religion S. 18

Weber, Rainer: If the sun refused to shine

I don’t mind, I don’t mind S. 19

Papenfuß, Bert: Neoguri Urangolkonda S. 23

Rautenberg ,Arne: Höllenschlünde, go. go, go! S. 26

Krohn, Alexander: Traumberuf  S. 28

Baumann, Rembert: Der widersetzliche Maler Günther Meck  S. 29

Heft 2, Mai 2017

(Illustrationen: Günther Meck)

Fuhrmann, Ernst: Außenseiter S. 33

Pohl , Kai: Partisanen S.  34

Fuhrmann, Ernst: Krieg banal S. 37

Schittko, Clemens: MachinenMilchMüll /

Tagebuch eines 17. Juni S. 40

Kröcher, Norbert „Knofo“: Wir drinnen – ihr draußen (3) S. 43

Sohn-Nekrasov, Julia: Wir bestellen neu S. 44

Fuhrmann, Ernst: Rätsel des Unmöglichen S. 45

Koziol,  Andreas: Sinnlose Opfer S. 46

Weber, Rainer: Post für Gott S. 48

Rheinsberg,  Anna: Drei Gedichte für Laszlo Schultz S. 55

Vögele, Frank: Gift im Rückgrat S. 56

Heft 3, August 2017

(Illustrationen: Günther Meck)

(Bernhard, Fuhrmann): Stimmen S. 65

Papenfuß, Bert: Streiflicht aus der Grauzone der Verschwörungspraxis S. 66

Fuhrmann, Ernst: Die Menschen verkommen S. 68

Schittko, Clemens: Wo bleibt die Revolution S. 71

Hoege, Helmut: Biologische und politische Zweifel S. 75

Köster, Cornelia und Hansen, Andreas: Kleinkrieg-Terror-Dialog S. 80

Maher, William Cody: Der gute Cop S. 90

Weber, Rainer: Probier’s mal mit Gemüthlichkeit S. 93

Sohn-Nekrasov, Julia: Vorsicht S. 97

Ooster, Herman Jan: Eine Schöpfungsgeschichte S. 99

Kitup, Ilia: Russland illustriert S. 104

Sonderheft 2, August 2017

(Illustrationen: Ilia Kitup)

Ernst Fuhrmann: Prohibition (Roman, 2.  und letzter Teil) S. 41

Das Inhaltsverzeichnis der folgenden Jahrgänge wird momentan erstellt.

Zur Neuen Folge von Zweifel

Lange Zeit verzichtete die Zeitschrift  Zweifel auf aktuelle Auseinandersetzungen  und richtete den Blick vorwiegend auf gesellschaftliche Ursachen und Zusammenhänge. Denn die wahrgenommenen „großen“ Ereignisse und die mit ihnen verbundenen Personen bewegen meist nur die gesellschaftliche Oberfläche, wogegen Zweifel versucht den Blick auf die Wurzeln zu richten.

Der mit ungeheurer Wucht voranschreitende Kampf um die globale kapitalistische Vorherrschaft, die damit verbundenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, für die die konkurrierenden Gruppen und Systeme sich gegenseitig „verantwortlich“ machen, zeigt den wahren Charakter der als Horte von Freiheit und Menschlichkeit postulierten Gesellschaftssysteme. Der Kampf der den globalen Handel bestimmenden Konzerne um uneingeschränkten und  grenzenlosen Freihandel, gegen den vor kurzer Zeit noch massiv protestiert wurde, schlägt nun in den entwickelten Industriestaaten um in Sehnsucht nach Heimeligkeit, nach einem Idyll in Ab- und Ausgrenzung (wir zuerst), in den Traum von einer Ordnung von oben nach unten, in der jeder seinen rechten Platz hat.

Wer sich in den internationalen Wettkämpfen als Verlierer oder Betrogener (ob als einzelner oder als Staat) fühlt, sieht nun – seines Vertrauens in einen ihm nützlichen gesellschaftlichen Fortschritt verlustig – in nationalistischen, rassistischen und sexistischen Ideologien sein Heil. Irrationalismus, religiöser Wahn, durch geförderte Unwissenheit und Verneblung der Köpfe erzeugte abstruse Weltanschauungen auch hier in Europa, große Wahlerfolge für nationalistische Parteien wie die AfD, weitverbreitete Toleranz gegenüber Dummheit und der damit verbundene Triumpf der Frechheit, machen die Widersprüche deutlich. Die echten und vermeintlichen Nutznießer dieser Entwicklung, bei denen ausschließlich Eigennutz das Handeln bestimmt, bedienen sich immer ungehemmter und verlogener ihrem Machtstreben jeweils opportunen Ideologien.

Auch künftig wird Zweifel unter Nichtbeachtung gesellschaftlicher Tabus als gemeingültig erklärte Vorstellungen und Wertsysteme radikal in Frage stellen und so den groß angelegten Betrügereien – egal ob sie sich unter dem Mantel der Verheißung von Freiheit, Erlösung, Glück, Harmonie oder gar Abenteuer in die Gehirne schmeicheln – entgegenstellen.

Der Zweifel ist sich bewusst, dass er den gigantischen Maschinerien der Meinungs- und Bewusstseinsindustrien, die mit unglaublicher Wucht und mit der frechen Lüge „sozial“ zu sein, in die Köpfe drängen, fast nichts entgegenzusetzen hat. Zweifel sieht sich dennoch als Versuch der Sammlung von Menschen, die radikal und konstruktiv alles in Frage stellen, was als „selbstverständlich“ propagiert und von den meisten Menschen auch so angenommen und in die Tat umgesetzt wird. Dieses radikale, konstruktive Zweifeln wiederum soll bei den Lesern Zweifel wecken und in einem dynamischen Prozess enden.

Zweifel zieht dabei keine Grenzen zwischen den verschiedenen Formen der Künste und den verschiedenen Formen der Wissenscha­ften.

Die Beiträge bewegen sich auf allen Gebieten und bedienen sich aller Methoden, die der jeweilige Produzent beherrscht oder zu beherrschen sucht.

Die Zeitschrift­ Zweifel wurde 1926 von Ernst Fuhrmann begründet und bis 1929 herausgegeben. Ab April 2008 erschien Zweifel in neuer Folge in losen Abständen. Seit Mai 2017 kommt Zweifel jährlich in drei Editionen heraus (März, August und November).

Herausgeber der neuen Folge ist Rembert Baumann.